Konferenz 2025

out of the box - Neue Angebote für die Kinder- und Jugendhilfe

 

3. und 4. April 2025 in Eugendorf

In den letzten Jahrzehnten hat sich viel getan in der österreichischen Kinder- und Jugendhilfe. Trotzdem stößt das System bei speziellen Betreuungsformen oder bei der Einführung neuer Angebote immer wieder an seine Grenzen. Wie können wir diese Grenzen überwinden? Welche neuen Ansätze gibt es im Sinne der Kinder und Jugendlichen und wie können sie am besten umgesetzt werden? Dazu haben sich bei der JuQuest-Konferenz Expert*innen aus unterschiedlichen Disziplinen ausgetauscht.

Ausgangspunkt

In den letzten Jahren und Jahrzehnten gab es eine Reihe von positiven Entwicklungen in der österreichischen Kinder- und Jugendhilfe. Die Angebotspalette wurde deutlich vielfältiger, es entstanden etwa spezielle Wohngruppen für junge Menschen mit erhöhtem therapeutischem Bedarf. Die eingeschlagene Richtung ist also erfreulich: Kinder und Jugendliche, die von der Kinder- und Jugendhilfe betreut werden, bekommen immer passendere Lösungen für ihre aktuelle Situation. Ein weiterer Meilenstein zur Erhöhung der Betreuungsqualität sind die gemeinsam ausgearbeiteten FICE-Standards.

Dennoch stößt die Kinder- und Jugendhilfe immer wieder an Grenzen und es kommt vor, dass es keine passende Hilfe für bestimmte Kinder oder Jugendliche gibt. Manche von ihnen sind zum Großteil von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe ausgeschlossen – wie z.B. Jugendliche mit Suchterkrankungen oder delinquente Kinder. Die Kinder- und Jugendhilfe ist in zwei Hauptbereiche gegliedert: Die sogenannte „Unterstützung der Erziehung“ und „volle Erziehung“. Mit diesen beiden Bereichen ist ein Rahmen vorgegeben, der eine passgenaue Betreuung – also individuell zugeschnittene Lösungen – manchmal schwierig macht.

Diesen Themen widmete sich die JuQuest-Konferenz 2025 am 3. und 4. April in Eugendorf bei Salzburg mit 70 Teilnehmer*innen aus unterschiedlichsten Fachbereichen.

 

Vielfältige Blickwinkel

Die Konferenz wurde mit einer Reihe von Fachvorträgen eröffnet. Im Vorfeld hatte eine Expert*innen-Befragung stattgefunden. Deren Ergebnisse präsentierte Thomas Buchner von SOS-Kinderdorf. Als zentrale Innovationsfelder der Kinder- und Jugendhilfe und somit Bereiche, in denen ein Ausbau wünschenswert wäre, sahen die Befragten: einen starken Fokus auf Prävention, etwa durch die Implementierung von „Family Care Centers“, sowie die verstärkte Ausrichtung auf spezielle Zielgruppen, wie etwa Drogen konsumierende Jugendliche, oder Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Außerdem würden die Expert*innen eine generelle Flexibilisierung des Systems sehr begrüßen.

Bernd Holthusen vom Deutschen Jugendinstitut widmete seinen spannenden Vortrag jungen Menschen, die für die Kinder- und Jugendhilfe schwer erreichbar sind – Jugendliche mit sogenannten „Risikokarrieren“. Nach Begriffsklärungen und verschiedenen Blickwinkeln auf die junge Zielgruppe tauchte Holthusen in die Praxis ein: Er berichtete von einem Forschungsprojekt über jugendliche Gewalttäter*innen zwischen Jugendhilfe und Justiz. Und stellte verschiedene Kooperationsformen vor, die für die Arbeit mit schwer erreichbaren Kindern und Jugendlichen hilfreich sein können.

Danach wurde es besonders berührend: Alexandra Weiss und Vicky Ulrich-von der Weth wurden beide selbst in ihrer Kindheit und Jugend im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe betreut. Heute sind sie im Verein „Care Leaver Österreich“ aktiv und setzen sich für junge Menschen ein, die wie sie nicht durchgängig bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen konnten. Ihr Vortrag zeigte eindrücklich, was es aus Sicht der Care Leaver an Verbesserungen braucht: eine längere Betreuung, die nicht standardmäßig mit 18 oder maximal 21 Jahren endet. Mehr Mitsprache- und Mitgestaltungsmöglichkeit der betreuten jungen Menschen. Sowie eine finanzielle und rechtliche Absicherung von Selbstvertretungsorganisationen wie dem Verein für Care Leaver.

Den Abschluss des ersten Konferenztages machten Susi Zoller-Mathies und Gloria Grimm, die beiden Pädagogischen Leiterinnen des „Betreuten Wohnen“ von SOS-Kinderdorf in Innsbruck. Sie stellen eine Einrichtung für Jugendliche vor, die in gefährlichem Ausmaß Drogen konsumieren. Im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe ist diese Betreuungsform eine Besonderheit. Die beiden sprachen über die Entstehungsgeschichte der Einrichtung, über Herausforderungen und Erfolge in ihrer Arbeit, über die Wichtigkeit eines multiprofessionellen Teams und über die hohe Betreuungskomplexität, die durch viele involvierte Fachkräfte entsteht.

 

Gemeinsamer Mut zur Innovation

Am zweiten Tag kamen über ein Video zwei Jugendliche selbst zu Wort. Denn wir wollen nicht nur über Kinder und Jugendliche sprechen, sondern vor allem auch mit ihnen. Wir wollen ihnen aktiv zuhören und ihre Stimme verstärken. Die beiden jungen Menschen leben aktuell in einer WG von SOS-Kinderdorf und waren im Vorfeld der Konferenz zu einem Gespräch eingeladen worden. Es war spannend zu hören, dass sie in ihren eigenen Worten dieselben Themen ansprachen, wie die Fachkräfte auf der Konferenz: Wie wichtig beständige Bezugspersonen sind, also eine gewisse Betreuungskontinuität. Wie es sich anfühlt, aufrichtig gefragt zu werden und gemeinsam Entscheidungen zu treffen, also Partizipationsmöglichkeiten. Und wo sie sich mehr Flexibilität wünschen würden.

In Gesprächsrunden und Workshops wurden die vielfältigen Inputs vertieft und am Ende der gelungenen Konferenz waren sich alle einig: Mehr Mut tut gut! Die Kinder- und Jugendhilfe lebt von hochwertigen Qualitätsstandards und muss einen sicheren Rahmen bieten. Sie sollte jedoch auch für neue Ansätze und kreative Ideen Raum lassen – damit alle Kinder und Jugendlichen die Betreuung bekommen, die sie in ihrer individuellen Situation brauchen.

Thomas Buchner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SOS Kinderdorf Österreich, Projektleiter JuQuest:  "out of the box"- Ergebnisse der Expert*innen-Befragung zu neuen Angeboten und Innovationen in der Kinder- und Jugendhilfe

Bernd Holthusen, Leiter der Fachgruppe "Angebote und Adressat*innen der Kinder- und Jugendhilfe" beim Deutschen Jugendinstitut: Schwer erreichbare Adressat*innen in der Jugendhilfe – von jugendlichen Risikokarrieren, komplexen Kooperationen und institutionellen Verschiebebahnhöfen


Alexandra Weiss, Vicky Ulrich-van der Weth: Vorstandsmitglieder des Care-Leaver-Vereins Österreich: Was fehlt uns in der Jugendhilfe? Die Sicht von Care Leavern.


Susi Zoller-Mathies, Gloria Grimm: Pädagogische Leiterinnen des BEWO Innsbruck, SOS-Kinderdorf: 

"safe" als Antwort auf Herausforderungen im Umgang mit Substanzkonsum!?“